Kurzgeschichte : Ein ordentlicher Mensch – Irmi erzählt…

 

Hallo Ihr Lieben,

vielleicht erinnert Ihr Euch ja noch an meine Freundin Irmi.  Ja richtig, ich berichtete über sie in dem Artikel mit dem aufgeräumten Kleiderschrank (unten rot verlinkt). Irmi hat etwas Besonderes an sich, das nur wenige Menschen ausmacht. Es ist eine Art von Perfektion, die so natürlich ist, dass man sich wundern würde, wenn es anders wäre. Leider ist es aber nicht jedermanns Sache, so zu sein. Bei uns zwei ist es so: Jeder bewundert den anderen für etwas , was man selber nicht ist und nicht hat.

Ordnung, Klinik, Krankenhaus
Schon an Haltung und Kleidung sieht man Unterschiede… Wobei ich Euch hier einen „privaten “ Einblick gewähre. Vor Patienten sitze ich immer mindestens so ordentlich wie Irmi da! Übrigens hingen unsere Arztkittel griffbereit gleich am Eingang . Selbstredend hatten wir sie immer geschlossen an, wenn wir am Patienten arbeiteten! Während ich die Kochwäsche der Klinik anzog, bevorzugte Irmi ihre eigene, farblich abgestimmte Kleidung, bei der sie wußte, dass sie nur mit ihrer eigenen Wäsche zusammen gewaschen wurde.

Irmi sagt, sie schätze an mir meine Präsenz, ansteckende Fröhlichkeit, Anpassungsfähigkeit, Improvisationsfähigkeit und meine Beharrlichkeit, Dinge zu verfolgen, die mir wichtig sind. Wenn Plan A nicht greift, dann eben Plan B.

Ich wiederum mag an Irmi ihre ruhige Art, Dinge durchzuplanen und zu verfolgen. Jeder Tag ist ein Programm, das zuverlässig in allen Details bewältigt wird. Ordnung und Klarheit ist ein unverzichtbarer Bestandteil ihres Wesens. Sie ist niemals „laut“. Machst Du was mit Irmi, kannst Du dich zu 100% auf das was sie sagt, verlassen. Kommt etwas Unvorhergesehenes, bleibt sie ruhig, macht sich einen Plan, auch dieses zu bewältigen. Ich habe noch nie erlebt, dass sie sich über etwas aufgeregt hätte oder verzweifelt gewesen wäre! Aber ich war auch nicht ihr ganzes Leben an ihrer Seite. Zumindest einmal war es anders gewesen… aber dazu später.

Während ich zu Irmi am Arbeits-Ende vom Tag, nach bereits 2 Stunden über dem offiziellen Arbeitsende, sage: „Jetzt freu´ Dich doch ´mal ein bißchen, alles ist super gelaufen und wenn hier Schluß ist, lass uns noch ganz kurz auf einen Cappuccino in die Cafeteria gehen, ich muß Dir noch ´was Tolles erzählen!“, sagt sie zu mir: „Mach ´mal langsam, eins nach dem anderen, erst kontrolliere ich noch das Labor, wenn Frau S Leukozyten weiter gestiegen sind, treffe ich die Vorbereitungen, damit sie morgen operiert werden kann.  Räume Du Deinen Spind auf, bevor Du gehst und bring die Akten ins Schreibzimmer. Auf dem Rückweg kannst Du in Zimmer 23 noch einen venösen Zugang legen!“ – „Aber dazu ist der Diensthabende da!“ – „…Der Tausend andere Sachen machen muß, das weißt Du doch. Außerdem ist er noch nicht so geübt, die Braunülen in schlechte Venen zu legen, also fass´dir ein Herz!“ -„Hast ja recht!“

Wie es ausgeht? Ich lege noch schnell den venösen Zugang bei der armen Chemopatientin mit den bereits malträtierten Armen. Aber nur, weil ein „Jungspund“ Dienst hat, der ein etwas gespaltenes Verhältnis zu Blutgefäßen pflegt, die man weder tasten noch sehen kann,  wie generell zu Dingen, die „Zeiträuber“ sind! Das wird verständlich, wenn man bedenkt, dass er offiziell ab 16.30 Uhr für die gesamten inneren Stationen mit 56 Patienten zuständig ist, nicht eingerechnet seine Zuständigkeit für die „internistischen Probleme“ der restlichen 300 Patienten der Klinik auf anderen Stationen.  Nur nebenbei erwähnt habe ich einmal mitgezählt. In einem Dienst ging der Pieper, den man neben der Arbeit immer mit Rückruf beantworten sollte und bei dem jeder „Piep“ ein Problem bedeutet, 64 mal. Aber darum geht es heute nicht, obwohl man darüber eigentlich auch einmal schreiben müßte. Aber das wäre politisch und das möchte ich hier ja  vermeiden.

Jedenfalls schau´ich dann auch doch noch kurz übers Labor, ob noch was „brennt“ und wenn nicht, mache ich mich schnellstens vom Acker! Auf dem Heimweg husche ich noch kurz zum Einkaufen, um Zuhause ein besonders leckeres Abendessen auf den Tisch zu stellen, weil ich heute nicht mit Kinder-Abholen dran bin und sich alle freuen, wenn es ein paar Leckerlis“ gibt! Also fülle ich den Einkaufswagen mit frischem Baguette, Krümel-Käse für meinen Mann, Mangos und Ofen-Käse für Sohnemann und Chai latte fürs Nessylein.

Irmi zieht indessen ihr Klinik-Ding noch weitere zwei Stunden durch, räumt ihren Arbeitsplatz auf, spitzt wie jeden Tag als letztes ihre zwei Bleistifte und geht in ihre leere, saubere, hochwertige 2 Zimmer Maisonette-Wohnnung, die sie sich gekauft hat, um Steuern zu sparen… Wobei mittlerweile ja der Radiologe zu ihr gezogen ist. Möglich, dass er eine neue Ära einleitet! Aber darüber erzähle ich Euch vielleicht ein andermal…

Als wir noch zusammen gearbeitet hatten, war da etwas Vertrautes zwischen uns gewesen, dessen Abwesenheit ich später und auch jetzt schmerzlich vermisse. Nun, ich gestatte Euch, mit ihrere Erlaubnis natürlich, einen kleinen Blick auf ihr Innerstes zu erhaschen, ja einen kurzen Moment der Vertrautheit mit ihrer Seele zu genießen. Die Seele, die fähig ist, soviel Liebe zu empfinden, dass das Universum selbst – oder auch das Schicksal – wer weiß das schon, sich einen Möglichkeit schaffte, Unabwendbares abzuwenden… Fiktion? Man weiß es nicht und ich bin ein einfacher Mensch und glaube erst einmal  das, was ich sehe!

In den Nächten, in denen wir zusammen Dienst hatten, ergab es sich, dass wir gemeinsam auf einen eintreffenden Notfall warteten. Ich erinnere mich noch gut. Es war eine dieser warmen, sternenklaren Nächte im August, in denen die Luft zu vibrieren scheint und die Grillen um die Wette zirpen. Nächte, in denen man einmal, vor langer Zeit, um die Häuser zog und man schrecklich verliebt war, in irgendjemand, der für uns heute ungefähr den Attraktivitätsgrad eines Magengeschwüres hätte. Angesichts der lauen Nacht und der Nikotinsucht, die viele von uns innehatten, so auch Irmi, warteten wir also auf der Bank vor der Notaufnahme. Als wir so da saßen und die fast unwirklich scheinende friedliche Natur, die nichts mit dem Geruch, der Sterilität und dem gleißenden Licht der Behandlungsräume zu tun hatte, in uns aufsogen, begann Irmi plötzlich zu erzählen. Zuerst etwas holprig, aber dann brachen die Wörter wie ein anschwellender Fluß aus ihr heraus. So, als hätten sie schon lange auf die Gelegenheit gewartet, sich ihren Weg nach draußen zu bahnen, um sich in der Welt zu manifestieren und den unabänderlichen Tatsachen ihre gerechten Präsenz zukommen zu lassen.

„Es war an meinem 16. Geburtstag.  Mama lag im Krankenhaus. Lungenentzündung. Vor ein paar Tagen war sie nachts nach der Arbeit in der Kneipe bei strömenden Regen durch die Straßen nach Hause gelaufen. Normalerweise setzte sie Kneipen-Kalle, der Besitzer, zuhause mit dem Auto ab, wenn der letzte Gast gegangen war. Heute aber kam sie erst morgens um 5 Uhr in unserer Wohnung an. Völlig durchfroren und zitternd. Ich weiß noch, dass ich, anders als sonst, auf sie gewartet hatte. In mir war etwas gewesen, was mir sagte, dass sie mich heute Nacht brauchen würde, auch wenn ich in diesem Moment noch nicht wußte, warum. Während sie mich sonst immer wieder ins Bett schickte, falls ich doch einmal wachgeblieben war, war sie heute froh, als ich ihr mit einem weichen Frottee-Handtuch den Rücken und die nassen Haare abrubbbelte,  einen warmen Tee in die Hand drückte und ihr half, ein weiches, baumwollenes Nachthemd überzuziehen. Wie ein kleines Kind führte ich sie zu ihrem Bett. Sie setzte sich auf den Bettrand, zusammengekauert, schutzsuchend und nicht mehr fähig, den Weg unter die Decke zu bewältigen. Behutsam nahm ich ihre Beine und legte sie aufs Bett. Erschöpft ließ sie den Kopf auf das Kissen fallen und schmiegte ihren zitternden Körper an die Wärmflasche, mit der ich die Decke vorgewärmt hatte. Sanft streichelte ich ihr Gesicht. Da merkte ich, dass es nicht mehr die Nässe des Regens war, der ihre Wangen benetzten, sondern dicke Tränen, die sich ihren Weg über die weiche Haut suchten. „Mama, warum weinst Du?“ Sie sah mich an und ihre Blicke schienen durch mich hindurchzusehen, als sie mit tonloser Stimme leise sagte:  Es ist etwas Schreckliches passiert!“ –  „Was denn, Mama? Was ist denn passiert?“

Irmi  hielt mit ihrer Erzählung inne und blickte kurz auf.  Sie nahm einen tiefen Zug an ihrer Zigarette. Ihr Gesicht war durch die aufleuchtende Glut für einen kurzen Moment orangefarben erleuchtet. Es war mir, als käme durch die ungewohnte Beleuchtung eine andere, fremde  Seite in ihr zum Vorschein.  Ihre Züge hatte plötzliche einen sehr verletzlichen, ja fast unsicheren Ausdruck angenommen, überschattet von einer verbitterten Härte, die so gar nicht zu ihr passen wollte. Es war so, als würde sie daran zweifeln, dass es Worte geben könne, die einem derartig schrecklichen Ereignis angemessen wären…  bis sich nach endlos scheinenden Sekunden die verhärteten Züge  wieder in einem warmen, fast sanftmütiger Ausdruck verwandelten und sie fortfuhr.

„Sie hatte ihn geliebt, einfach geliebt. Und er hatte nichts Besseres zu tun gehabt, als ihre billige Arbeitskraft auszunutzen und sie immer wieder, wie es ihm passte, zu benutzen. Aber nicht an diesem Tag. Nicht mehr. Nie mehr!“

An dieser Stelle unterbrach sie ihre Erzählung erneut, da von Ferne das Geräusch des nahmenden Krankenwagens seine baldige Ankunft ankündigte.

Jäh strafften sich ihre Schultern und sie blickte durch die Schiebetüre um sich zu vergewissern, dass eine Schwester an der Rezeption stand und nicht gerade in einem Behandlungsraum oder der kleinen Teeküche  verschwunden war und informiert werden mußte. Dann fuhr sie fort:

„Naja. Jedenfalls rief ich dann den Krankenwagen, als das Fieber immer höher kletterte und sie kaum mehr bei Bewußtsein war. Glücklicherweise erhohlte sie sich im Krankenhaus relativ schnell wieder. Mama hat eben eine zähe Natur. Wie ich auch.“ Bei diesen Worten huschte ein kurzes Grinsen über ihr Gesicht. Wussten wir doch beide, das noch so böse Keime , die die ganze Belegschaft niederstrecken konnten, um Irmi fast immer einen Bogen machten und sie dann fast als einzige gesund blieb!

Sie erzählte weiter: “ Ein paar Tage später ging es ihr also schon wieder deutlich besser. Ich hatte an diesem Tag schulfrei und es war mein 16. Geburtstag. Für nachmittags hatte ich ein paar Freunde zu uns nach Hause eingeladen und am Abend vorher einen Kuchen gebacken. Ottilienkuchen mit Rotwein, Schokolade und Rosinen, den Mama so mochte. Also machte ich mich morgens auf, um ihr ein Stück zu bringen und vielleicht würde ich sie ja auch bald schon nach Hause holen können – das würde ich heute mit dem Arzt besprechen…

Ich weiß noch dass das Wetter an jenem Tag wunderschön war. Die Sonne hatte schon morgens eine angenehme Strahlkraft, die meinen Körper mit einer wohltuenden Wärme durchfloss. Ich hatte mich genau hier hingesetzt, wo wir zwei jetzt sitzen, weil ich die zwei Kaffee, die ich drübern am Kiosk geholt hatte, nicht  auf einmal hatte tragen können. So blieb ich einfach kurz auf dieser Bank und genoß die Sonne und den Kaffee. Dann marschierte ich gutgelaunt die Treppen hinauf und die Gänge entlang in den 4. Stock, damals eine Innere Station.

Zimmer 16, wie die Zahl meines Geburtstages, dachte ich noch. Dieser Zufall  würde Mama bestimmt gefallen, wenn ich ihr das gleich erzählte…  Fröhlich öffnete ich die Tür. Als ich jedoch ihr Krankenzimmer betrat, sah ich zu meinem Erstaunen, dass es leer war.

Wie vom Blitz getroffen stand ich da, bevor ich wieder einen klaren Gedanken fassen konnte. Was war geschehen? Hatten sie die Schwestern in ein anderes Zimmer verlegt? Oder vielleicht bereits eintlassen? Wartete sie vielleicht schon vorne in einer der Sitzgruppen? Aber so sehr ich auch versuchte, mich zu beruhigen, es gelang mir nicht.  Eine dunkle Vorahnung kroch in mir hoch. Glaube mir, ich, die eigentlich nie etwas aus der Fassung bringen kann, war genau das!“

In dem Moment kam der Krankenwagen die Auffahrt heraufgefahren und das Gespräch verstummte erneut. Wir schnappten unsere Kittel und kümmerten uns sofort und mit allen Sinnen um die angekommene Patientin, die laut Aussage des Notarztes wahrscheinliche einen Herzinfarkt erlitten hatte. Demzufolge würde sie sofort einen Herzkatheter benötigen, um das verstopfte Herzkranzgefäß möglichst schnell wieder frei zu bekommen, bevor zuviel Herzmuskelgewebe abgestorben sein würde.

Ganz auf unsere Arbeit und die Patienten konzentriert, kamen wir in dieser Nacht nicht mehr dazu, das Gespräch zu beenden. Obwohl ich  gespannt wie ein Flitzebogen auf die Fortsetzung war, ergab sich die nächste Möglichkeit dazu erst, als unsere Infarkt Patientin schon, sichtlich erholt von den Strapazen des Infarktes, vor der Verlegung in ein Reha-Zentrum stand. Wir warteten gemeinsam am CT-Raum auf die wöchentliche Fall-Besprechung, als die Sekretärin uns mitteilte, dass der radiologische Chefarzt, der die Veranstaltung leiteten sollte, leider im Stau feststeckte und erst in einer halben Stunde eintreffen würde.

Während unsere Kollegen sich wieder auf ihre Stationen verzogen, wo immer genügend Arbeit wartete, machten wir es uns nach einem kurzen Blickkontakt, der wie ein geheimer Code eines unsichtbaren Bandes von uns beiden ausgesendet wurde, in einer Ecke des ruhigen Besprechungszimmers bequem. Anscheinend war es auch für Irmi sehr wichtig, dass ich diese, IHRE Geschichte in Ihrer Gesamtheit kannte. War sie doch ursächlich für manche von Irmis Charaktereigenschaften! Dazu sein in Kürze Folgendes schon an dieser Stelle erwähnt: Bei Irmi gab und gibt es absolut nichts, was man mit irgendetwas hätte entschuldigen müssen! Okay, abgesehen natürlich von den übllichen Leichen im Keller 😉 – Just a joke… Nein, ernsthaft: Das ist genau das, was mich an ihr so  fasziniert! Aber kommen wir zurück zu der Geschichte!

„Sie hatten Mama tatsächlich auf die Intensivstation gebracht und an eine intraaortale Ballonpumpe angeschlossen. Die Diagnose lautete Myokarditis mit progredienter Herzinsuffizienz. Was das bedeutete, muß ich Dir nicht erzählen!“ Oh nein, das mußte sie nicht. Eine Herzmuskelentzündung als Komplikation einer Infektion kann unter Umständen das Herz so schwächen, dass es eine maschinelle Unterstützung benötigt. Überflüssig ist es zu erwähnen, dass dieser Zustand lebensbedrohlich sein kann. Es liegt durchaus im Bereich des Möglichen, dass sich das Herz nicht erholt. Irmi mußte sich schrecklich gefühlt haben!

„Aber die Ärztin, die mit mir sprach, beruhigte mich und sagte, dass man Mama rechtzeitig versorgt hätte und im Moment alles gut aussah, Ich sollte mir nicht allzu große Sorgen machen…  Als ich ihr Zimmer betrat und sie da so liegen sah, krampfte sich dennoch alles in mir zusammen. Das rhythmische, unbarmherzige Geräusch der Beatmungsmaschine, das Blinken der Perfusoren und Infusiomaten schienen nun die Macht über den Menschen Mama, der dort lag, übernommen zu haben. Überall waren Kabel, Kanülen und Flüssigkeiten, die ein- oder ausgeleitet wurden. Mama lag da, mit Pflastern über den eingesalbten Augen und so weit weg , dass mir der Mars in diesem Moment wie eine guter Nachbar vorkam… Wenn ich doch nur wüßte, was das alles zu bedeuteten hätte!

Es kostete mich doch ziemliche Überwindung, an das Bett zu treten und Mamas Hand zu berühren. Sie war kalt, kraft- und wie fast wie leblos. Wohl vom Legen der Kanüle, die unten in ihrem Handgelenk steckte, sah man noch die Spuren des getrockneten Blutes, das ihr an den Fingern klebte. Sie waren nur notdürftig gereinigt worden. Auch am Hals führte ein Schlauch in sie hinein oder auch heraus, das konnte ich nicht erkennen.  Des weiteren verschwanden unter der Bettdecke Schläuche.  Durch einen wurde wohl der Urin abgeleitet, ein anderer schien in Verbindung mit dieser rhythmisch arbeitenden Maschine zu stehen…  Das Ganze überfordete mich total. Ich, die immer alles im Griff zu haben schien, sah mich mit einer Situation konfrontiert, die ich einfach nicht verstand. Konnte ich mich auf diese Schwestern, Pfleger und Ärzte verlassen, wenn es darum ging, diese komplizierten Systeme richtig einzusetzen?

In diesem Moment wurde mir schlagartig klar, das es soviele medizinische Dinge gab, von denen ich nicht wußte, wie sie funktionierten. Wenn ich doch nur sicher sein könnte, dass alles seine Richtigkeit hätte. Irgendetwas beunruhigte mich an dieser Maschine neben dem Bett. Ich wußte nicht warum, aber ich war mir absolut sicher, dass da etwas nicht stimmte! Mein Herz schlug schneller. Noch nie hatte ich so empfunden. Ich sehnte mich so nach Ordnung. Das alles war keine Ordnung. Die Maschine stand schief am Bett. Warum stand sie denn eigentlich nicht gerade?  Dann könnte man viel besser an Mamas Bett gelangen… Wenn man nicht einmal eine Maschine gerade hinstellen konnte, wie wollte man sie denn dann beherschen können? Es waren Räder daran. Aber vielleicht waren die Kabel nicht lange genug, um sie ein Stück wegzubewegen. Wenn sie nur 5 Zentimeter länger wären…. Vielleicht war ja noch mehr Kabel unter der Bettdecke.

„Ach wäre es hier doch nur ordentlich, dann würde Mama gesund werden!“ schoss es immer wieder wie ein Mantra durch meinen Kopf. Warum war dieses, doch ein wenig absurde Theorem, so in meinem Gehirn festgebrannt? Ich verstand mich selber nicht. Es klang einerseits wirklich abwegig, andererseits wußte ich so sicher wie nichts zuvor in meinem Leben, dass es stimmte. Ich schlug in meiner Verzweiflung die Bettdecke ein wenig zurück…

Da sah ich es! Überall war Blut! Der Verband in ihrer Leiste war völlig durchtränkt! Oh Gott! Wo war die Klingel? Es würde keine geben, weil Mama ja nicht bei Bewußtsein  war!  So  rannte ich auf den Flur und schrie verzweifelt um Hilfe.  Es dauerte die Ewigkeit einiger Sekunden, bis ein Pfleger auf dem Gang auftauchte. „Kommen sie schnell zu  meiner Mutter, überall blutet es unter ihrer Bettdecke!“

Dann ging alles ganz schnell. Schwestern und ein Arzt kamen angerannt. Gespächsfetzen. Schritte. Unbekannte Maschinen-Geräusche. Piepen. Rauschen. Ich stand nur da. Eine Schwester, die nach Pfefferminzbonbons roch, schickte mich mit barschem Ton aus dem Zimmer. Pfefferminzbonbons. Ich hasse Pferfferminze! Jetzt stand ich auf dem Gang.  Das alles war so unfaßbar! Eben noch war ich richtig fröhlich gewesen und jetzt… Ich spürte, wie sich meine Knie offensichtlich in eine weiche, wattige Masse verwandelt hatten. Es war schier unmöglich, darauf zu stehen.  Verzweifelt lehnte ich mich an die Wand.  Mein Kopf fing an zu rauschen. In diesem Moment sah ich durch die offene Tür,  wie der Arzt die Maschine gerade rückte,  um sich besser über Mama beugen zu können. Endlich! Das war es! Von einer Sekunde auf die andere fielen die Verunsicherung und der Schmerz von mir ab. Wie befreit begriff ich, dass nun alles gut werden würde. Ich fühlte mich plötzlich ganz leicht und seltsamerweise begann sich alles um mich herum zu drehen. Immer schneller. Ich wunderte mich noch, wie sich meine Umgebung aufzulösen schien und ich immer weniger erkennen konnte. Da verlor ich das Bewußtsein…

Ich wachte von einem schmerzenden Stich in meine linke Hand auf. Ich fühlte mich sehr müde, wie nach einem tiefen Schlaf und als ich die Augen öffnete, war ich einen Moment lang erstaunt, in die quadratischen Deckenlampen  eines mir unbekannten Raumes zu blicken, in den man mich gebracht hatte, nachdem ich auf dem Gang wegen der ganzen Aufregung tatsächlich ohnmächtig geworden war. Langsam kam die Erinnerung zurück. Einzelne Bruchstücke suchten sich ihren Weg zu etwas Ganzem, das einen Sinn ergab.

Dann war plötzlich alles ganz klar und logisch. Ich war verwundert, wie ich in diesem Augenblick genau wußte, was ich zu tun haben würde. Es kam mir vor wie ein Weg, den mir das Unterbewußtsein oder was immer, in meinem Kopf vorgezeichnet hatte. Nichts, worüber man diskutieren konnte.

ICH hatte das Problem erkannt. Nicht die Schwestern oder Ärzte, weil ICH es unbedingt erkennen wollte. Mein Unterbewußtsein hatte mich geleitet, wie es mich auch in Zukunft leiten würde. Sogar bis unter die Bettdecke, wenn es darum gehen würde, eine Blutung zu erkennen oder ein Leben zu retten! Es war zwar nie verkehrt, in etwas Ordnung hineinbringen zu wollen, aber dort, an Mamas Bett, war dieses Bedürfnis nur Mittel zum Zweck gewesen. Es war um etwas anderes gegangen. Um etwas viel wichtigeres. Um das Leben selbst.  Um Mamas Leben. Und auch um meines.  Heute hatte Mama mit Hilfe des Schicksals überlebt.  Aber jetzt würde ich die Weichen stellen, damit ich in Zukunft sicherer selber agieren konnte.

Dazu würde ich als erstes besser in der Schule werden, um ein gutes Abitur zu machen. Mein Notenspiegel ließ da derzeit noch einen gewaltigen Spielraum nach oben offen! Dann würde ich Medizin studieren. Und nicht nur Medizin. Sondern auch Menschen, ja, einfach alles, was „mein “ Schicksal mir in den Weg werfen würde. Damit ich gewappnet sein würde für die Dinge, die eben unweigerlich in unser Leben  treten.

Das war der Handel mit meinem Unterbewußtsein.Nun war es mir glasklar. Ich mußte „nur“ mit jeder Faser meines Seins an dieses Ziel glauben, dann würde ich mich immer auf meine „innere Kraft“ oder das Universum, oder was immer „es“ war, verlassen können. Das stand ab diesem Tag fest. Ich würde alles in Ordung bringen. Nicht nur irgendwelche Kabel oder Maschinen, alles. Auch mein Leben. Und natürlich Mamas. Und bestimmt keine Pfefferminzbonbons lutschen!“

Als sie mit ihrer Erzählung geendet hatte, sah Irmi mir einen kurzen Moment mit einem ruhigen, klaren Blick in die Augen, bevor die Tür aufging, und die ersten Kollegen für die Fallbesprechung hereinkamen. Ich spürte, wie dieser Blick irgendetwas in meinem Innersten berührte, eine Saite zum klingen brachte, die bisher stumm gewesen war…

So, jetzt kennt Ihr die Geschichte, die Irmis Leben veränderte. Ich mußte oft daran zurückdenken. Was sich allerdings genau in jen er Nacht abspielte, habe auch ich nie erfahren. Soviel hat Irmi mir aber verraten: Ihre Mutter traf absolut keine Schuld ..!

Vielleicht gibt es auch in Euerm Leben solche Ereignisse. Wenn Ihr möchtet, könnt Ihr mir gerne darüber berichten.

Wie Ihr seht, war und ist es Irmis Weg, sich in einer Welt der Ordnung zu bewegen, auch wenn sie erkannt hat, dass das resultierende Gefühl der Sicherheit das eigentlich Wichtige ist, was ihr hilft,  sich auch in schwierigen Situationen zurechtzufinden. Es gibt viele Menschen, die sich so verhalten. Extreme Ordnungsfanatiker bis hin zum Anankasten sind natürlich als krankhaft anzusehen, wie vieles Extreme. Aber ein bißchen „Irmi“ ist nie verkehrt, oder?

Wobei dieses Ereignis ja eigentlich mit der Ordnung primär nichts zu tun hatte. Irmis schon vorher vorhandener Ordnungssinn war im entscheidenden Moment nur Mittel zum Zweck. Das Entscheidende an dieser Geschichte war ja, dass sie erkannt hat, dass sie selber dazu beitragen muß, ihr Leben zu verändern und über es Kontrolle zu erlangen.

Noch eines bin ich Euch schuldig geblieben – das Ende der Geschichte. Nun, es ist noch nicht geschrieben, aber zumindest bis heute wandte sich für sie und ihre Mutter alles zum Besseren und „der Deal“ wurde Realität…

Nun bleibt mir noch, Euch eine wunderschöne, geordnete oder chaotische  Woche zu wünschen! Falls Ihr noch ein wenig mehr von Irmi lesen wollt und /oder Ihr Lust verspürt, mit der Ordnung bei Eurem Kleiderschrank anzufangen, habt Ihr vielleicht Lust auf folgenden Artikel (wenn Ihr ihn noch nicht kennt, sooo lange ist er nicht her):

 

 

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Ich bin jemand, der meist positiv und neugierig durchs Leben spaziert. Mich fasziniert das Alltägliche wie auch das Besondere und ich bin dankbar, mich mit den schönen Dingen des Lebens wie mit meiner Familie, Pferden und Hunden, Natur und Medizin beschäftigen zu dürfen. Ich bin eine kleine Fashionista und schreibe und zeichne gerne .. Diese Themen lebe ich auch auf meinem Blog "happinessygirls" aus... Hello, I´m a girl with lot´s of interests: Not only fashion, beauty and lifestyle but also family, animals, medicine , writing, reading and riding.

8 thoughts on “Kurzgeschichte : Ein ordentlicher Mensch – Irmi erzählt…

  1. Eine sehr berührende Geschichte, liebe Nessy. Du hast sie auf deine ganz spezielle Art erzählt und mich von ersten Moment an abgeholt.
    Ein bisschen Irmi, schadet nie. Absolut!

    Liebe Grüße

  2. Puh Nessy, kanns Du gut schreiben. Wahnsinn. Ich hab mitgelitten und Gänsehaut. Komischerweise befindet sich meine Gefühlswelt jetzt im Klinikalltag und nicht im Kleiderschrank. Dabei hab ich jetzt Feierabend. Doch ich hab nicht auf die Leukozyten gewartet sondern ein Gamma- GT von über 1000. Mist eine Hepatitis! Nein ich schreib jetzt keine Geschichte, 😉 aber ich bin in gewissen Dingen organisiert. Und das ist gut so. Aber oh jeh mein Kleiderschrank müsste mal organisiert werden. 🙂
    Schönen Abend, liebe Grüße Tina

    1. Vielen Dank, für den tollen, langen Kommentar. Ich wünsch´Dir und der „Leber “ das Beste, Nessy . Übrigens, gleich unter dieser Geschichte der Link zu der Kleiderschrankgeschichte mit einer „Liste“ 😉 . Hilft Dir vielleicht beim Kleiderschrank!

  3. Das Leben deiner Freundin und deine Schreibweise haben mich abgeholt und auf eine Achterbahn geschickt. Es ist schön zu erfahren warum manche Menschen tun was sie tun. Danke Nessy, dass du davon erzählt hast.

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