Kurzgeschichte: „Ein Anruf nur…“ mit ein paar Partnerschaftstipps im Anschluss

Hallo Ihr Lieben,

DSCN0752Die heutige Geschichte könnte wahr sein! So oder so ähnlich… Vielleicht aber auch nicht?  Wer weiss das schon – aber lest selbst und bildet Euch ein Urteil!

Draußen regnete es. Es war kein starker Regen. Eher von der Sorte, der den ganzen Tag vor sich hin tröpfelt.  Unablässig und unerbittlich klopfte er an die Scheibe. Mal schwächer, mal stärker aber niemals still. Immer wenn man glaubte, er höre auf, wurde er wieder stärker.,,Heinz, Heiiiinz“ rief es aus dem Schlafzimmer. Gerade hatte er sich auf die Couch gesetzt. Eigentlich kamen jetzt die Nachrichten. Immer um 20.00 Uhr. Er liebte es, sein Leberwurstbrot zusammen mit einem Apfel und dazu ein ,,Püls“ zu dieser Zeit vor dem Fernseher einzunehmen. Zum Brot schmieren hatte er noch keine Zeit gehabt. Dann klappte es heute vielleicht wenigstens mit den Nachrichten… Seine  Beine schmerzten. Die Schmerzen waren nicht besonders stark, aber immer, wenn er glaubte, sie seien vorüber, piekten sie wieder besonders fies. Irgendwie waren diese Schmerzen wie der Regen, schoß es ihm durch den Kopf. Und wie diese Stimme aus dem Schlafzimmer. Nie schien sie zufrieden… Egal wie er sich anstrengte, egal was er alles tat, es dauerte nie länger als höchstens eine viertel Stunde, dann vernahm er sie wieder, diese Stimme.

,,Heiiinz!“ Manchmal verdammte er seine Mutter für diesen Namen. Hätte sie gewußt, wie es klingen würde, wenn seine Frau ihn rief… Diese Betonung des ,,iiiis“. Nicht enden wollend. Er hatte es aufgegeben, ihr zu widerstehen. ,, Erna, ich komm´ja gleich!“ rief er mich brüchiger Stimme in die Richtung, aus der man diesem fremdartigen Wesen sein Domizil eingerichtet hatte.

Dieses war, von ihm unbemerkt, im Lauf des ruhigen Einerlei der Tage langsam und schleichend an die Stelle seiner einmal recht ansehnlichen, ja wie er damals fand, auch forschen und durchaus noch attraktiven Frau getreten. Allerdings hatte sich das schnell gewandelt. Er war schon über Fünfzig gewesen, als er sich entschlossen hatte, doch noch zu heiraten. Das Haus hatte er gebaut, als er noch jünger war, mit Kinderzimmer und allem drum und dran. Als Parkwächter verdiente man eben nicht so gut. Da hatte alles seine Zeit gedauert. Und mit Schulden zu heiraten, das kam für ihn nicht in Frage.  Dann, als das Nest schön hergerichtet war, noch die Frau fürs Leben zu suchen, wenn man so gar keine Erfahrung auf diesem Gebiet hatte, war auch nicht gerade einfach gewesen.

Seine Mutter, die froh war, dass er sich so um sie kümmerte, hatte ihn immer vertröstet – es käme schon noch ,,die Richtige“. Im Laufe der Jahre hatte er dann schon die ein oder andere hübsche ,,Maus“ getroffen, die vielleicht in Frage gekommen wäre. Allerdings hatte es ihm immer an Mut gefehlt, eine flüchtige Bekanntschaft zu vertiefen. Einmal hätte er fast etwas angefangen. Sie hieß Anja und hatte eine Stupsnase, die ihm irgendwie gefiel. Zweiunddreißig war er damals gewesen. Sie war Siebenundzwanzig. Einmal hatte er ihr Blumen mitgebracht. Wie gut es sich angefühlt hatte, als sie sich tatsächlich darüber freute. Nie vergaß er dieses glückliche Leuchten in ihren Augen.

Diese Augen… Sie hatten sich in sein Gedächtnis eingebrannt und er hatte sie all die Jahre nie ganz vergessen können. Was sie wohl gerade machte? Ob sie überhaupt noch lebte?  Als er sie damals einladen wollte, hatte seine Mutter ihn harsch kritisiert. Nie hatte er sie so erlebt. Angeschrien hatte sie ihn. Angeschrien!  Nach diesem Ereignis hatte er sich nie mehr getraut, sich mit Anja zu unterhalten und war ihr  ausgewichen. Einmal hatte sie ihn noch abgepasst und gefragt, was los sei. Ob sie etwas falsch gemacht hätte. Er konnte sie nicht ansehen. Hatte nicht den Mut gehabt, etwas zu sagen. Was hätte er auch sagen sollen? Feige hatte er mit den Schultern gezuckt und war weggegangen.

Feige war er gewesen. ,,Feige“ schallte es durch seinen Kopf. Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Feige! Das war der Schlüssel, nachdem er so lange gesucht hatte! Immer war er feige gewesen, sein ganzes Leben schon. Er erinnerte sich zurück. Bereits damals auf dem Schulhof hatte ihn seine Kameraden so genannt, als er sich nicht verteidigen wollte, sondern weggelaufen war. Warum et das getan hatte und worum es eigentlich gegangen war, wußte er nicht mehr. Das war aber eigentlich heute auch gar nicht mehr wichtig. Nur das eine Wort: ,,Feige“. Laut und deutlich vernahm er es wieder und wieder in seinem Kopf. Die Laute  schienen einen Kreis zu bilden, sich zu wiegen und dann zu tanzen zu einer längst vergessen geglaubter Melodie, die von Freiheit und Glück erzählte…

In seinen Augen sammelte sich Tränen. Er schluckte. Aber je dichter der Schleier vor seinen Augen wurde, umso klarer wurden auch seine Gedanken.  Viele Jahre später, als seine Mutter schon im Altenheim war und er längst alleine wohnte,  faßte er den Entschluß, nicht mehr alleine sein zu wollen und endlich seinen Traum einer Familie wahr werden zu lassen.  Gänzlich unbeholfen in Liebesdingen, entschloss er sich zur Aufgabe einer Partnerschafts-Anzeige in seiner Lieblingslektüre, der religiösen Zeitschrift  ,,Der Hirte“… Komischerweise war der ,,erste Schritt!“ entgegen seiner seit vielen Jahren bestehenden Ängste und Befürchtungen vor Mißerfolgen, Betrügereien und ,, was man so alles liest“,   sehr einfach gewesen. Vielleicht zu einfach?  Als er sie zum ersten Mal getroffen hatte, so schmuck in ihrem Dirndl, schöner noch als die Damen bei ,,Bauer sucht Frau“, sah er sich schon vor seinem geistigen Auge Hand in Hand mit ihr durch die Wälder laufen. Da störte es ihn auch nicht sonderlich, dass sie für Kinder schon zu alt war…

Aber schon bald nach der Heirat bemerkte er, dass sie die Natur am liebsten vom Liegestuhl im Garten aus genoß und jede überflüssige Bewegung nach Kräften vermied. Die Enttäuschung darüber schluckte er jedoch schnell hinunter und dankte Gott für die Frau, die ihn immerhin geheiratet hatte und davor bewahrte, dass er nicht alleine in seinem großen Haus leben mußte. Außerdem konnte sie ,,Königsberger Klopse“ und ,,Pfälzer Saumagen“ auf eine herzhafte Art zubereiten, die ihm wirklich richtig gut schmeckte und wenn ihre Familie mit den kleinen Kindern zu Besuch war, freute er sich an dem Kinderlachen, das durch das Haus schallte… Er wurde sogar  ,,Opa“ genannt und dann gab es Momente, in denen er ein Glück erfuhr, wie er es nie gekannt hatte. Er fühlte er sich als Teil einer großen, glücklichen Familie… und das fühlte sich sehr sehr schön an!

,,Heiiiinz!“ Dieser massige Körper mit dem aufgedunsenen, seltsam glänzenden, roten Gesicht, war eines Tages kaum mehr in der Lage gewesen, sich von alleine aufzurichten und  sobald es ein wenig  warm war, fing er an zu schwitzen wie er früher nach zwanzig Minuten in einer Neunzig Grad  Sauna… War das wirklich schon zwanzig Jahre her?

Zu diesen Ausdünstungen gesellten sich außerdem noch die, die der Urinbeutel mit sich brachte. Obwohl er sich insgeheim davor ekelte, war er doch froh, dass sie damit versorgt worden war. Unerträglich waren ihr dauernder Drang zu Urinieren und die vielen ,,Unfälle“  gewesen. Außerdem klappte es seit einiger Zeit mit dem Essen nur noch mehr schlecht als recht.  Essen war schon immer eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen gewesen, was unschwer zu übersehen war. Trotz aller Übelkeit hatte sie zumindest die Fähigkeit beibehalten, es sich bei jeder Mahlzeit  ohne Hemmungen schmecken zu lassen, als sei es die erste Mahlzeit seit Tagen der Abstinenz. Aber trotz aller Vorsichtsmaßnahmen mit den schönsten Lätzchen und Tüchern,  die jede Mutter mit kleinen Kindern vor Neid hätte erblassen lassen, schaffte sie es, noch das letzte nicht bedeckte Stück Kleidung zu bekleckern.

Deshalb war er seit kurzem dazu übergegangen, sie mit seiner auch eher ungelenken Hand zu füttern, obwohl das die Frauen vom Pflegedienst nicht gerade gerne sahen. Von wegen Selbstständigkeit fördern und so. Seine Erna hingegen hatte absolut nichts dagegen, ja sie schien es geradezu zu genießen. Er fand es fast schon drollig, wenn sie ihn wie ein Kleinkind dazu aufforderte, sie schneller zu füttern. Dazwischen mußte er ihr nach jedem Bissen den Mund abputzen, wenn ihr die Nahrung zum Teil wieder aus dem Mund purzelte und den Weg auf die Suche nach einem sauberen Stück Stoff antrat. Er stellte sich dann einfach vor, er füttere seinen kleinen Enkel. Mit dieser Vorstellung, ein süßes Kleinkind zu füttern, schaffte er es ganz gut, ihre mechanisch mahlenden Kaubewegungen zu ertragen.

Sie verpasste kaum eine Gelegenheit, um ihm zu demonstrieren, dass sie jegliche Anstrengung noch mehr hasste als früher schon, hasste wie ihr gleichtöniges Leben, hasste wie… ja, um ehrlich zu sein, wie IHN mit ihrer ach so lieblosen Art und wie fast alles außer zwei Dingen: Das Essen und das Gefühl, das der Stuhlgang erfolgreich gewesen war. Dann kam es vor, dass sich in ihren Augen jener freudige Glanz wiederfand, der ihm früher so gut gefallen hatte, weil er damals ihm galt …

Viele Ärzte hatten schon versucht, ihre vor einiger Zeit neu aufgetretene Parkinsonerkrankung richtig einzustellen, aber standhaft hatte sie sich geweigert, die Medikamente, die ihr die Ärzte verschrieben, richtig einzunehmen. Ihr würde davon übel, hatte sie geklagt, als er ihr die Tabletten geben wollte und ihn dabei angeblickt, als wolle er sie umbringen. Es war genau dieser Blick gewesen, der bei ihm ein schreckliches Gefühl der Unfähigkeit auslöste. Ein andermal wieder, wenn sie sie nehmen sollte, schrie sie ihn an, um danach zu wimmern und zu stöhnen wie ein Stück angeschossenes Vieh. Diese Geräusche taten ihm selber fast körperlich weh, sodass er  die runden kleinen weißen Dinger hastig beiseite schaffte, bevor sie ihm diese aus der Hand schlagen konnte. „Feige“ sagte die Stimme in seinem Kopf. Seltsam.

„Heiiinz, kumm endlisch!“ Er versuchte, sich von der Couch hochzustemmen. Seine weißen Fingerknöchel suchten verzweifelt an der Lehne Halt, glitten aber ab und er plumste mit einem dumpfen Geräusch zurück auf das Sofa. „Heieieiiiinz!  Heiiinz!“

Seltsam unbeteiligt fiel ihm auf, dass ihre Stimme Ähnlichkeit mit den Sirenen bei Bombenalarm gegen Ende des zweiten Weltkrieges hatte. Er war gerade 5 Jahre alt gewesen, als er und seine Geschwister zum ersten Mal Schutz in diesem nach Moder und Exkrementen riechenden Keller suchten. Sie waren nicht alleine. Einmal hatte man eine Ecke mit Tüchern abgetrennt. Dahinter schrie eine Frau wie ein Tier. Es waren eben diese Geräusche, die er nicht vergessen konnte… Niemand beachtete ihn oder klärte ihn gar auf, was dahinter vor sich ging. Sei Mutter bedeutete ihm nur, dass er ruhig sein solle, sie müsse der Frau helfen. Der fremden Frau. Es kümmerte seine Mutter nicht, dass er mit seinen Ängsten völlig alleine war. Sie hatte sich nie wirkich um seine Bedürfnisse gekümmert, wie Erna! Das taten ,,seine“ Frauen wohl nicht. Da fing er an zu weinen. Lautlos. Ohne Tränen, für andere unbemerkt. Wie so oft in den letzten Tagen. Wenn er das Gefühl hatte, er könne das alles einfach nicht mehr schaffen…

Er ging damals davon aus, dass sie sterben würde. Er wußte noch, dass er sich in jenem Moment kleine Fetzen von seinem Unterhemd abgerissen hatte, um sie in die Ohren zu stopfen. Doch auf ein Mal hörte das Schreien auf und kurze Zeit später trat ein hohes Wimmern an die Stelle der gellenden Schreie. Ein Baby war geboren…  Als man später die Tücher entfernte, sah man eine glückliche Mutter mit ihrem Neugeborenen im Arm. Auch ein Bild, das er bis an sein Lebensende nicht vergessen würde. Hoffnung. Hoffnung im Krieg. Hoffnung in ausweglosen Situationen. Hoffnung auch für Ihn?

Seine Beine fanden zunächst keinen richtigen Halt mehr, um erneut aufzustehen. Manchmal hatte er das Gefühl, sie würden ihn nicht mehr tragen können. Jeden Tag rechnete er damit, dass er es nicht mehr gehen würde und er hatte jetzt schon Angst davor, wie er sich in dieser Siuation verhalten würde. Er mußte sich unbedingt um so einen Notknopf kümmern, den er immer bei sich trug. Verdammt, wo bekam man den her?…  Doch heute ließ ihn die ansteigende Verzweiflung noch einmal alle Kräfte mobilisieren,  mit der es ihm endlich gelang, sich erst aufzuwuchten und dann mit gramgebeugten Rücken ins Schlafzimmer zu wanken.

Sie hatte noch einmal Durst. Erst vorher hatte er ihr zu trinken gegeben. Aber auch jetzt trank sie lediglich einen kleinen Schluck, von dem ein Großteil auf ihrem Nachthemd landete. Oh je. ,,Heiiinz du bisch echt a Trottel!“ Er war müde…

Doch dann passierte plötzlich etwas Unerwartetes. Er spürte, wie eine warme, kraftvolle Energie seinen Körper durchfloss und seinen Rücken aufrichtete. So ein Gefühl hatte er noch nie in seinem Leben gespürt. Es fühlte sich gut an. Sehr gut. Hoffnung. Etwas würde sich ändern. Ohne Hast, ihr Jammern und Stöhnen ignorierend, zerrte an dem Kleidungsstück, bis es ihm gelang, es über ihren Kopf zu ziehen. ,,Heiiinz, hör´ mir jetzt zu. ich will das rote…!“ ,,Alles ist gut, Erna, es wird etwas geschehn…“ Er wußte selbst nicht was, als er wahllos ein Nachthemd aus dem Schrank griff und es ihr mit automatisierten Handgriffen über den Kopf zog. Sie war erstaunt verstummt über die ruhige Bestimmtheit, die sie von ihrem Mann gar nicht kannte.

So ließ sie es klaglos geschehen, während er wußte, das es trotz allem nur eine trügerische Ruhe sein konnte. Diese Worte würde auf keinen Fall ungestraft bleiben und sofort kroch wieder die Angst in ihm hoch! Oh Gott, was war ihm nur eingefallen, so aufmüpfig mit ihr zu reden? Unwillkürlich  duckte er sich nach unten wie ein gedehmütigtes Tier. Dann trafen ihn auch schon ihre Worte wie einen Peitschenhieb. Es kam, was kommen mußte und wovor er immer die meiste Angst hatte.  Es würde nie ein Entrinnen geben, was hatte er sich nur dabei gedacht? Panik stieg in ihm hoch. Aber es half nichts…

,,Heiiiinz! I muß auf de KLO!“ Diese Worte hasste er von allen Worten, die ihren Mund verließen, am meisten. Mit übermenschlicher Kraft gelang es ihm, diese Frau, die mindestens 20 Kilo schwerer war als er selbst, in den Rollstuhl zu hieven. Sein krummer Rücken schmerzte unmenschlich. Er stöhnte leise, während der Fleischberg in seinen Armen schrie: ,,Net so grob, du bringscht mi noch ummm!“

Aber immerhin war sie jetzt im Rollstuhl. Wieder ein kleiner Sieg. Gleichzeitig wußte er nicht, ob er es das nächste Mal auch noch einmal  würde schaffen können. Die unsagbare Anstrengung hatte sein Gesicht puterrot verfärbt, sein Herz klopfte bis zum Hals. Vor Kurzem hatte er eine Bypass Operation gehabt. Da war er eine Zeit im Krankenhaus gewesen. Eine schöne Zeit… Wie Urlaub. Zwar hatte er kurz nach der Operation Schmerzen gehabt und sich 3 Tage schlecht gefühlt. Aber danach war es schön gewesen. Er hatte Besuch bekommen, der brachte ihm tatsächlich Pralinen und auch Blumen. Er war im Bett gelegen und die Schwester hatte ihm Essen gebracht und beim Waschen geholfen. Ihm! Herrlich war das gewesen. Und den ganzen Tag musste er er sich um nichts kümmern…

,,Heiiiiinz, schlof net in, i muß uf de Klo!“ Ein unangenehmer Gestank von ihren Winden erfüllte den Raum in einer Heftigkeit, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb. Die Fahrt in das extra umgebaute Bad mit allen Raffinessen war gegenüber seinen vorherigen Leistungen ein relativ leichtes Unterfangen, zumal der Rollstuhl ihm als Rollator diente und er sich gut abstützen konnte. Auch war es ihm so in Fleisch und Blut übergegangen, ihr  Gewicht vorwärts zu schieben, dass er es kaum noch spürte…

Die Nachrichten waren fast vorbei, als er wieder auf der Couch Platz nahm. So drückte er mit der Fernbedinung den Fernseher aus. Jetzt mußte er erst einmal nachdenken. So konnte es nicht weitergehen. Irgend etwas mußte geschehen. Sein Blick wanderte nach unten und blieb an seinem Bein haften. Seine Beine… Jedes hatte eine ekelige offene, schmierige, oft schmerzende Wunde durch eine Gefäßkrankheit, wie der Arzt ihm erklärt hatte…

Zuerst hatten die Beine nur gejuckt. Dann waren dunkle Flecken entstanden. Bis sich erst bei dem einem, dann auch bei dem zweiten Bein an diesen Stellen die Haut ablöste. Die Areale mit den gelben Belägen wurden immer größer und trotz der Behandlungen durch den Pflegedienst, der sowieso jeden Tag für Erna kam, wurden die Wunden immer schlimmer.

Wieder schoß ihm das eine Wort durch den Kopf. „Hoffnung!“ sagte die Stimme in ihm. Ob das vielleicht Gott war? Fing dieser Gott, zu dem er sein Leben lang gebetet hatte, dem er immer vertraut hatte,  jetzt, wo er über 80 war, an, mit ihm, Heinz, zu sprechen?  Ein kurzes, sarkastisches Lachen entfuhr ihm.  Das konnte ja wohl nicht sein! Doch in diesem Moment kam es wieder. Dieses seltsame ruhige, warme Gefühl, dass seinen Körper zu durchwandern schien und … auch durch die Beine ging. Dieses Gefühl der Zuversicht und… Hoffnung. Er durfte, konnte Hoffnung haben. Nein es gab keinen Zweifel. Er wußte es in diesem Moment ganz genau…

Da fiel ihm plötzlich etwas ein, was er lange einfach vergessen hatte, weil es ihm sowieso unmöglich erschienen war: Der Arzt hatte einmal erwähnt, dass es vielleicht gut wäre, wenn man die offenen Stellen richtig säubern würde. Im Krankenhaus mit Vollnarkose. Krankenhaus…  Unwillkürlich richtete er sich etwas auf. Der Gedanke war gut… Weiter, Heinz, weiter denken!

Seine Frau würde solange natürlich in Kurzzeitpflege müssen. Solange er im Krankenhaus war und auch ein wenig darüber hinaus, solange er sich erholte. Solange… Nun für mindestens… ,,Für immer!“ sagte die Stimme in ihm. ,,Wie bitte, was sagst Du da?  Das geht doch gar nicht!“-  Der innere Dialog wurde jäh durch die Stimme seiner Frau unterbrochen ,,Heiiiiinz!“-  ,,Nein Erna“, dachte er bei sich,  ,,nein, jetzt nicht!“

Zum ersten Mal, seit sie krank geworden war, überhörte er für eine einzige kostbare Minute ihr neuerlich anschwellendes Rufen, um nun diesen einen wichtigen, ja DEN wichtigsten Gedanken für sein momentanes Leben überhaupt, zu Ende zu denken. Ein Gedanke, der sich sehr gut anfühlte…  Sein zerfurchtes, müdes Gesicht hellte sich für einen Moment auf. Diese innere Stimme… und dieses warme Gefühl. Hoffnung. Nicht mehr feige sein. Er begriff. Er  würde sie  einfach nicht mehr zurückkommen lassen. Schon viel zu lange war er Kompromisse eingegangen. Nun würde es ganz einfach sein.  Es war offensichtlich, dass er nicht mehr konnte.  Nicht mehr wollte… und auch nicht mehr musste! Für wen war das Ganze denn gut? Höchstens vielleicht für Erna. Aber sogar das bezweifelte er. In einer ordentlichen Einrichtung würde man ihren Bedürfnissen wahrscheinlich sogar besser nachkommen können, wie er das schaffte.   Ein Anruf nur…

Als er aus dem Schlafzimmer zurückgekehrt war und sich wieder auf die Couch gesetzt hatte, war es plötzlich ganz still. Unnatürlich still. Der Regen hatte aufgehört!

 

So, das war meine Geschichte. Natürlich ist alle Ähnlichkeit mit noch lebenden Personen rein zufällig. Es wäre ja auch völlig abstrus, wenn so etwas in Wirklichkeit passieren würde… Oder kommt es so oder so ähnlich doch öfters vor? Mich würde sehr interessieren, wie Ihr darüber denkt! Ich denke, sein kann das… Deshalb wäre es vielleicht doch, rein prophylaktisch natürlich, schon gut, sich zu überlegen, was man tun könnte, um so etwas zu verhindern… wenn Ihr Lust habt, lest also einfach noch ein wenig weiter…

Solche einseitigen Beziehungen haben ihren Anfang oft schon vor vielen Jahren genommen und beruhen auf der Dominanz eines Partners. Auch wenn die Gesundheit ungleich verteilt ist, müssen wir darauf achten, den anderen respektvoll, liebevoll und mit Dankbarkeit zu behandeln. Es sind die täglichen kleinen Aufmerksamkeiten von beiden Seiten, die eine Partnerschaft am Leben erhalten!

Angesichts der möglichen katastrophalen Auswirkungen scheint die Frage gerechtfertigt: Sind wir liebevoll genug mit unserem Partner? Neigen wir dazu, ihn über den Mund zu fahren? Schließlich ist die Partnerschaft etwas sehr Schönes, das von den täglichen kleinen Aufmerksamkeiten lebt…

Wer nun mag, kann sich von folgenden Fragen inspirieren lassen, seiner Partnerschaft ein wenig neuen Schwung zu verleihen…

Was ist das Lieblingsessen unseres Partners/unserer Partnerin (in Zukunft nur als ,,Partner“ bezeichnet), und wann habt Ihr es zusammen das letzte Mal gegessen?

Was frühstückt der andere morgens gerne und wann wurde es ihm zuletzt ans Bett gebracht?

Wenn Ihr zusammen weg geht, ist dann dafür gesorgt, dass sich beide wohl fühlen? Oder ist er dazu verdammt, vor der Umkleidekabine zu warten und Tüten zu schleppen oder sie am Rande des Golfplatzes zu stehen und ihm den Caddy zu machen? Besser: Den Partner so mit einzubeziehen, dass er auch Spaß an der Sache hat!

Beim Einkaufen: Auch die Männerabteilung aufsuchen, danach in SEIN Lieblingsrestaurant gehen, ihn für seinen tollen Rat loben. Bei Fußball/Golf etc. was sie eher weniger interessiert, nach Möglichkeit eine Freundin mit ins Boot holen, damit sie sich nicht langweilt oder einen netten Picknickkorb mit ihren Lieblingssachen und einer kleinen Aufmerksamkeit (z.B. einen schönen leichten Seidenschal, …) packen, den ,,Mann“, wenn es für sie allzu schlimm wird, hervorzaubern kann. Es versteht sich von selbst, dass er ihr das Gefühl gibt, stolz auf sie zu sein und sie nach Möglichkeit ins Geschehnis mit einbezieht. Dasselbe gilt natürlich auch andersherum bei Veranstaltungen, bei der sie der Initiator ist, z.B. Modeschauen, Balett, etc.

Wenn Ihr mit anderen zusammen seid, verhaltet Ihr Euch dann liebevoll miteinander? Erzählt Ihr liebevoll vom anderen? Ist das Gespräch zwischen allen Anwesenden halbwegs gleichmäßig verteilt, vor allem aber zwischen Partnern? Ist sie/er schüchtern? Sorgt man dann dafür, dass er/sie Raum bekommt, sich zu entfalten?

Beispiel: Frau erzählt immer eher wenig, wuselt in der Küche herum, während er am Tisch sitzt und vielleicht sogar Witze über sie macht … Alles unschön!  Besser: Er sorgt für Tischgetränke, unterhält die Gäste, sorgt dafür, dass jeder etwas hat, hilft, Essen zu verteilen, auch schmutziges Geschirr abzuräumen. Verschwindet sie länger, entschuldigt er sich kurz, geht in die Küche und schaut, was er tun könnte ohne den Satz: ,,

Schaatz, die Gäste warten.“ Besser: beobachten, versuchen zu erraten, wo es hängt, dann ohne sie zu verletzten, helfen: ,,Ach Gerda, der Braten sieht ja himmlisch aus. Wenn du magst, garniere ich ihn noch mit ein bißchen von dem leckeren Gemüse und einem Kräuterzweig. Meinst Du, es ist noch zu früh, ihn dann mit nach draußen zu nehmen? Oder soll ich warten, bis Du mit den Kartoffeln fertig bist. Ich weiß, Du hast alles toll organisiert, da möchte ich nicht dazwischenfunken…“

Noch ein kleiner Tipp: Wenn er/sie alleine verreist, kann man in den Koffer ein paar Leckereien schmuggeln und/oder ein paar Zettelchen mit lustigen /liebevollen /romantischen Sprüchen…

Dazu kommt aber noch ein wichtiger Aspekt. Manche Leute nehmen sich selber so furchtbar ernst. Dabei ist es natürlich wichtig und richtig, auch sich selber mit dem gleichen Respekt und der Liebe zu behandeln, wie unseren Gegenüber. Wer sich nicht achtet, kann dies auch nicht mit seinem Gegenüber tun. Aber die Betonung liegt auf ,,gleich“. Klar, dass sich jeder selbst der Nächste ist und klar, dass es uns immer schlechter getroffen hat, als den Rest der Welt. Aber gerade aus der Situation heraus, dass man selber wegen Krankheit, Leid etc. im Mittelpunkt steht, kann das Interesse für den anderen einen selbst stärken, weil man nicht immer nur an das Negative denkt! Wenn der andere diese Wertschätzung registriert, wird er sie meist mit Freude erwidern!

Ich denke Ihr habt gemerkt, worauf ich hinaus will. Klar, dass es nicht immer ideal geht. Aber auf Verständnis, Achtung und Liebe sollten wir nie verzichten…

In diesem Sinne… wünsch´ich Euch eine Woche mit vielen schönen Erlebnissen. Alles Liebe, in Liebe, mit Liebe, Eure Nessy

 

Veröffentlicht von

Ich bin jemand, der meist positiv und neugierig durchs Leben spaziert. Mich fasziniert das Alltägliche wie auch das Besondere und ich bin dankbar, mich mit den schönen Dingen des Lebens wie mit meiner Familie, Pferden und Hunden, Natur und Medizin beschäftigen zu dürfen. Ich bin eine kleine Fashionista und schreibe und zeichne gerne .. Diese Themen lebe ich auch auf meinem Blog "happinessygirls" aus... Hello, I´m a girl with lot´s of interests: Not only fashion, beauty and lifestyle but also family, animals, medicine , writing, reading and riding.

9 thoughts on “Kurzgeschichte: „Ein Anruf nur…“ mit ein paar Partnerschaftstipps im Anschluss

  1. Liebe Nessie (ist es ok, wenn ich den Dr. weglasse?)
    Alles genau so, alles liebe, in Liebe …und vor allem Selbstliebe für jeden. Dann klappts auch mit der respektvollen Liebe zum Partner.
    Einen schönen Abend für Dich und liebe Grüße von
    Andrea (Muse darfst Du auch weglassen 😀 )

    1. Hallo Andrea, super, so langsam kapier ich auch die Zusammenhänge. Das mit dem Dr (den ich allerdings tatsächlich habe) war der Einfall von dem Herrn, der mir den Blog eingerichtet hat und die anderen Herren unserer Praxis fanden das besser. Damit die medizinischen Artikel ernster genommen werden. Ok, mag vielleicht ja sein… Aber ich unterschreib´ immer mit Nessy und außerdem dutzen sich Blogger sowieso! Deshalb bitte ich darum! Anscheinend hast Du die doch relativ lange Geschichte gelesen! Super und danke für Deine Zustimmung und Dein Lob!
      Schlaf gut, falls Du noch wach bist, sonst wünsche ich einen wunderschönen Tag, Nessy

      1. Liebe Nessy,
        Ich lese doch nicht – ich scanne 😉, geht schneller (irritiert nur viele). Wenn Du die Zusammenhänge „Muse&Held“ meinst, die Du kapierst, lass Dir Zeit😉 …es ist anders als viele denken, komplizierter vor allem. Die Einfachheit ist ausschließlich im Fakt, dass da 2 in Liebe verbundene Seelen sind.
        Das mit dem Faktensammeln würde ich sofort unterschreiben, weil ich als HSP sowieso alles aufsauge, was mir vor die Linse, in die Ohren und was auch immer kommt. Ich werde Deinen Blog auch eher zu den medizinischen Themen verfolgen und freu mich drauf. Dir auch einen wunderbaren Tag 😃

  2. Liebe Nessy, ich habe schon soooo lange keine Horrorgeschichten gelesen, aber diese wäre eines Steven King würdig. Es klingt nach einem wahren und falschen Leben, da sich die Beteiligten gegenseitig mit faulen Kompromissen verletzt haben. Ich hoffe die nächste Lebensgeschichte die Du erzählst wird eine Positive sein 😉 Deine Bilder werden auch immer besser, denn Du scheinst da Ergeiz zu besitzen. Ich habe mal meinen Großvater mit 7 Jahren gefragt warum seine Zeichnungen viel besser aussehen als meine. „Ich zeichne nur die Schatten, denn das Licht kommt von alleine aufs Papier“, sagte er zu mir. Ich ließ die harten Linien weg und versuchte es – er hatte recht. Ich wünsche Dir ein wunderbares Wochenende 🙂

    1. Vielen Dank Lieber Arno! Mit den „harten Linien“ hast Du natürlich recht wie mit allem! Wobei ich an Deinen Kommentaren immer die Großzügigkeit schätze, mit der Du Manches „übersiehst“… Male ich nicht für den Blog, zeichne ich bei „reellen Bildern“ natürlich keine harten Linien! So wurden sie diesem Fall, wie man, denke ich auch erkennen kann, im Nachhinein angebracht! Bis ein Bild, dass ich zeichne, z.B. auch die Babies bei dem Lactoseintoleranz-Artikel, die ja mehr skizziert sind und lustig sein sollen, so rauskommt, dauert es einige Korrekturen am Bild und der Foto-Technik… Aber das weisst Du vermutlich auch. Der Grund, warum das Bild diesmal „reel“ ist? Ich fand, dass es besser zur Geschichte passte! Herzliche Grüße, Nessy

  3. Liebe Nessy, ich habe noch einen Kloß im Hals, so sehr bin ich von Deiner wunderbar geschriebenen, aber sehr deprimierenden Geschichte berührt. Trauriger weise gibt es solche Beziehungen und Schicksale wirklich.
    Sehr schön sind Deine Hinweise, die etwas Schwung in die Partnerschaft bringen sollen. Die meisten Deiner Ideen pflegen wir in unserer Beziehung seit jeher, was sicher auch zu den vielen glücklichen, gemeinsamen Jahren beigetragen hat.

    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntagabend und grüße Dich ganz herzlich,
    Nadine

    http://nadinecd.blogspot.co.at

    1. Liebe Nadine, Vielen Liebe Dank für den tollen Kommentar! Auch Dir eine wunderschöne Zeit. Es freut mich, dass Du eine gute, glückliche Partnerschaft lebst! Ich wollte die Geschichte auch nicht einfach so traurig stehen lassen… Man kann ja früh genug etwas gegen solche Verläufe tun! Alles Liebe, Nessy

  4. Wenn der Partner zur Belastung wird … Ich habe in diesen Dingen selbst schon einige Erfahrung gesammelt (aus „zweiter Hand“). Am besten lernt man doch aus eigener Verwandtschaft und den Eltern – oder natürlich in sozialen Berufen. In entspannten Zeiten ruht die Hand des Partners sogar während der Autofahrt auf dem Knie des Gegenübers, nachdem man im Reisebüro alles für die nächste Reise klar gemacht hat. Ein paar Jahre später kann man für die gleiche Hand-auf-Knie-aufleg Aktion eine geknallt bekommen, wenn einer der Partner angebunden sein muss, aus welchen Gründen auch immer. Sobald die gewohnte Lebensqualität sinkt, werden die Nerven strapaziert …
    Die Geschichte ist wahrhaft aus dem Leben gegriffen und die anschließenden Erklärungen bzw. Tipps finde ich sehr hilfreich!
    LG! Reini

    1. Hallo Reini, danke für Deinen tollen Kommentar. Ich denke auch, dass die Geschichte im erste schockierend Moment scheint, im zweiten aber gar nicht so abwegig… Natürlich liegen die Ursachen weit zurück. Deshalb Zeit für unsereins zu reflektieren. Durch Deinen Kommetnar ist das noch einmal deutlich geworden, auch deshalb habe ich mich sehr darüber gefreut! Wünsch´Dir ein wunderschönes Wochenende, Nessy

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s