Kurzgeschichte: Eine Love-Story der etwas anderen Art…

Das Laub raschelte unter meinen Füßen… Es war schon ein wenig kalt. Trotzdem hatte die Sonne noch genügend Strahlkraft , um mir freundlich den Rücken zu wärmen. Mein erster Tag. Medizinstudium in einem Städtchen, von dem ich nie zuvor gehört hatte: Homburg. Nein, nicht das bei Frankfurt, sondern Homburg/Saar! Tiefstes Saarland, gleich um die Ecke die französische Grenze. Mein Wunsch-Studienort war das nun nicht gerade gewesen… Es stand überhaupt nicht auf meiner Prioritätenliste, sondern Freiburg, Heidelberg und München. Hier würde ich überhaupt nicht lange bleiben. Der zentralen Studienvergabe war eindeutig ein Fehler unterlaufen. Und ich würde auf Nachkorrektur mit einem stoischen Durchhaltevermögen beharren, dass sich unser damaliger Kanzler Kohl davon noch eine Scheibe würde abschneiden können! Aber die Sonne konnte hier zugegeben schon ganz besonders gut scheinen!

Einen Moment blieb ich stehen, drehte mich um, um auch auf meinem Gesicht die weiche, wohlige Wärme spüren zu können, bevor sie der Winter  für lange Zeit verschlucken würde…

Als ich die Augen nach meinem kurzen Sonnenbad wieder öffnete, sah ich ihn… zum ersten Mal. Für den Bruchteil einer Sekunde war dieser Renault 4 mit einer undefinierbaren in die Jahre gekommenen Lackierung in, sagen wir mal nett, backsteinfarben, in meinem Augenwinkel. Dann spritzte schon eine dampfende Flüssigkeit vorne aus der Kühlerhaube. Gerade noch rechzeitig brachte ich mich mich mit einem Satz zur Seite in Sicherheit. Das Gefährt kam mit einem Ruck zum Stehen und eine Mischung aus Brad Pitt und dem jungen George Clooney stieg aus! Wäre da nicht eine rote Feuermähne  auf dem Beifahrersitz gewesen… So aber dachte ich nicht im entferntesten daran, dass er und ich…

„Hi, sorry, hoffe Dir ist nix passiert, dieses Leck am Kühler war wohl doch noch nicht richtig dicht !“ kam es in einem reinen Hochdeutsch aus Brads Mund „Nö. alles okay!“ repondierte ich in einer Art Automatismus, der mir schon damals zu eigen war und der mich später im Patientengespräch noch oft würde retten können… “ Schätze , bin Dir was schuldig! Kennst Du den „Feier-Keller“ im Wohnheim 2 in der Oscar-Orth-Straße? Da ist morgen Abend so´n Erstsemestertreffen für Medizinstudenten. Können bestimmt auch andere hin! Komm´doch einfach auf´n Drink vorbei! “ Der Casanova griff an, das musste man ihm lassen!  Aber in diesem Moment stieg auch schon die rothaarige Pumuckl-Lady aus, die ihren Macker wohl ganz gut kannte und den Moment für ein passendes Auftreten wahrscheinlich auch schon automatisiert hatte… bei diesem Typ! Jetzt begutachtete sie fachmännisch die immer noch dampfende Motorhaube. „He, Sweety, was machen wirn´n jetzt?“

Mist! Auf die zugegebenermaßen doch recht hübsche, aber auch ein wenig burschikos wirkende  Hobby-Mechanikerin mit einem krass rot-buntem Hemd hatte ich irgendwie im Moment  so gar keine Lust. Oh weh! Jetzt sah ich es! Er trug das gleiche Hemd… d a s  ging ja gar nicht! Okay, everything happens for a reason… Jedenfalls erlitt seine bis dato uneingeschränkte Attraktivität durch dieses geschmacklose Stück Stoff einen sofortigen Temperatursturz von „Hot“ auf „Flop“!

“ Also, ich muß dann jetzt!“ Kam über meine Lippen, bevor ich mich umdrehte, um weiter durch den blätterraschelnden Gehweg zu schlurfen. Er rief mir noch nach „Wenn de Lust hast…“ Aber ich antwortete schon nicht mehr. Sollte er doch schauen, was mit seinem komischen Auto passiert war, schließlich hatte er ja wohl mehr oder weniger kompetente Hilfe…

Ich wohnte im Wohnheim 1, gleich neben Wohnheim 2 und natürlich hatte ich mich schon mit einigen anderen Mädels aus „unserem Semester“  für besagte Erstsemester-Fete in diesem sagenumwobenen Feier-Keller, in dem es jeden Dienstag sowas von krass abgehen sollte,  verabredet. An den Kühlerwasser-Schützen dachte ich gar nicht mehr…

Als wir nach einer abenteuerlichen Aufzugfahrt zu fünft auf einem rumpelnden Quadratmeter unten ankamen, war die Musik so laut, dass man kaum ein  Wort verstand. Die Luft waberte, da Rauchen zu den Zeiten noch erlaubt war, in zum Schneiden dicken Schwaden durch die völlig überfüllten Räumlichkeiten. Ein Durchkommen war nur mit enormer Kraftanstrengung und dem Gebrauch der sprichwörtlichen „Ellbogen“ möglich. Das „Keller“-Ambiente war auch durchaus wörtlich zu verstehen und konnte, sagen wir es offen, ohne Einschränkungen mit dem einer Bahnhofstoilette mithalten. Dies alles trug nicht gerade dazu bei, dass die junge, in Bezug auf solche Partys völlig unerfahrene Nessy sich auch nur im entferntesten wohl fühlen würde …

Was solls? Ich war neu hier und dieses war die sogenannte „Erstsemesterparty“. Ob die Wahl dieses „Feier-Kellers“ eine glückliche Location zum gegenseitigen Kennenlernen war, stand hier schließlich nicht zur Debatte. Immerhin hatte es den Vorteil, dass man keine Angst vor einer stockenden Kommunikation  haben mußte, da diese aufgrund des Geräuschpegels sowieso nur unter Einsatz des gesamten Lungenvolumens möglich war …

Wie von Zauberhand wurden in dem Moment, als wir uns in Richtung Bar bewegten, fünf Plätze in dem sonst völlig überfüllten Keller frei. Wir Mädels ließen uns erleichtert auf die  schon etwas wackelig-antiquierten, nicht gerade vertrauenserweckend wirkenden Barhocker nieder und bestellten uns ebensolche Drinks, die wohl an das Chemie-Praktikum erinnern sollten… Mit der  giftgrüne Farbe und dem undefinierbaren scharfen chemischen Geschmack, der leicht in Richtung Brennspiritus ging, war dies durchaus gelungen, aber leider erwies sich das Getränk als echte Herausforderung für meine Durchschnittsgeschmacksnerven! Ja , leider war ich war schon damals eine kleine Spießerin…

Als ich so da saß und mit Tränen in den Augen gegen dieses furchtbare Gebräu ankämpfte, sah ich hinter dem Wasserschleier ein bekanntes Gesicht auf mich zukommen! Der Kühlerwasser-Renault-Fahrer. Wow! Er sah trotz oder vielleicht auch wegen meines eingeschränkten, leicht verschwommen Sehvermögens noch besser aus als am Vortag… Leider ist es nicht meine Art, mit  bereits „Vergebenen“ anzubandeln, und obwohl ich die Pumuckl-Lady nicht entdecken konnte, hatten die beiden im Auto doch einen recht vertrauten Eindruck auf mich gemacht…

„Hallo, ist bei Euch noch ein Plätzchen frei?“ begrüßte er mich mit einem umwerfenden, strahlenden Lächeln… Dazu kam, dass er heute ein tadelloses schwarz-weißes Künstler-Hemd im Miro-Stil trug, wie es in den 90 ern gerade angesagt war. Er hatte es soweit geöffnet, dass man den leichten Kräusel-Ansatz seiner Brustbehaarung gerade sehen konnte. Oh Mann! Schade, schade… Aber nicht mit mir. “ Ja, klar, ich wollte gerade gehen!“ Ich rutschte vom Hocker und quetschte mich durch die Menschenmassen, so schnell ich konnte, Richtung Tür… Nur weg hier, sonst konnte ich „Pumuckl-Reddy“ für nichts garantieren!

Schlecht war es freilich nicht, dass ich gegangen war, schließlich mußten wir am nächsten Tag früh raus und mein Körper brauchte auch einige Stunden, um mit dem Chemie-Drink fertig zu werden….

So saß ich am nächsten Tag halbwegs wach, wenn auch mit einem diskreten Brummschädel in der hochgelobten Biologie-Vorlesung bei dem als Koryphäe bekanntem Professor Bolte. Gerade dozierte  er über das mehr als tausend Seiten schwere Werk „The Cell“ als d a s  absolutes Basis-Standardwerk, welches in keinem Studenten-Regal fehlen dürfe, wobei es allerdings auch nur einen monatlichen Lebensunterhalt verschlingen würde… Nebenbei erwähnt, würde ich übrigens von meinem heutigen Standpunkt aus sagen, dass die Gemeinsamkeit des fachliterarischen Werk „The Cell“ und dem gleichnamige Film mit JLo (den es damals noch nicht gab),  darin besteht, dass man sich beide „schenken“ kann…

Plötzlich stupste mich jemand von hinten an und flüsterte mir ins Ohr „Hi, klasse, dass ich dich sehe, wußte ja gar nicht, dass du auch Medizin studierst. Ich dachte gestern schon, du hättest kalte Füße bekommen, als du mich von Nahem gesehen hast. Mein Selbstbewußtsein war ganz schön angeknackst, als Du einfach abgehauen bist..!“ Ich fuhr herum, was mir sogleich einen verärgerten Blick von dem „The Cell“-Proff einbrachte…

Ich blickte direkt in das Model-Gesicht dieses „Spritzenden-Kühlwasser“ – Typs, der mir zugegeben seit gestern nicht mehr aus dem Kopf gegangen war…  Innerlich hatte ich nämlich in der vorherigen Nacht mein schnelles Verkrümmeln gefühlte 1000 mal bereut! „Ach hallo auch, tja, ich dachte, nur weil Deine Feuerkopf -Begleitung gerade ´mal nicht da ist, wollen wir doch nicht über die Strenge schlagen, oder?“ und dabei zwinkerte ich ihm gekonnt lässig zu, während ich mich schon wieder dem Professor und seiner  überaus interessanten „Zelle“ zuwandte… „Hey, was willste damit sagen? “ schallte es so laut von hinten in mein Ohr, dass sich sogar mein Vordermann umdrehte und mir ärgerliche Blicke zuwarf, die  aber,  als er meinem weiblichen Habitus gewahr wurde, der so gar nicht zu dieser Stimme passen wollte, in einen leicht verwirrten Gesichtsausdruck  umschlug, bevor er sich wieder „der Zelle“ widmete… Hinten ging es nach kurzer Pause, nun etwas leiser, aber doch noch für meine Umwelt gut hörbar, weiter. „Dieses Mädchen hat mir nur gezeigt, wo ein günstiger Supermarkt ist, sie wohnt im Wohnheim auf dem gleichen Stockwerk. Ich kenne das Streichholz-Köpfchen auch erst seit zwei Tagen. Und die witzigen Hemden gab es für nur fünf Mark. Da muß man als Student doch zuschlagen…“ Mein Vordermann hatte sich abermals umgedreht. Anscheinend fand er nun die Unterhaltung hinter ihm doch spannender als über die mannshohe Zelle, die nun an die Wand projeziert worden war und über die Professor Bolte nicht müde wurde, zu dozieren…

“ Hey Du dahinten“, wandte er sich an Kühlwasser-Brad, „sieht sie gut aus, dein Streicholzköpfchen? Wo wohnt sie denn? Vielleicht könnte sie ja mal mit mir einkaufen… hahaha…“ – „Klappe, du Blödmann,“ kam nun die Brad-Stimme sonor an mein Ohr,  “ merkst Du nicht, dass dein Typ nicht gefragt ist?“

Prinzesschen  Nessy war mal wieder an dem Punkt angelangt, an dem ihr alles auf die Erbse ging, zumal ihr auch noch der Chemie-Trank in den Glieder steckte und die Stimmen um sie herum auf seltsame Weise  nachklangen  wie bei einer Bahnhofsdurchsage …

Die Schweißperlen traten auf meine Stirn. Mir war übel. Um nicht zu sagen, Kotz-Reiher-schlecht. Dies hier ging wieder einmal gar nicht…  Ich raffte meine Sachen und verließ fluchtartig  – die Riesen-Protz-Zelle an der Wand, die durch den wummernden Projektor leicht vor sich hinzitterte, als würde sie jeden Moment explodieren (tja meine lieben Liebenden, noch nix Beamer für alle  – es waren die Neunziger..), – Professor Bolte, der mir verwundert nachstarrte, weil er es nicht fassen konnte, dass jemand seine Vorlesung verließ, – die beiden nun endlich still scheinenden Laber-Jungs, die mit offen stehenden Mündern nicht begreifen konnten, was vor sich ging  und  – das restliche Auditorium, dass mit gebannt nachstarrte…

Zum Glück befand sich zwischen Tür und  Redner-Pult ein Waschbecken, bis zu dem ich es, mit vor dem Mund gepresster Hand, gerade noch schaffte, bevor ich schwallartig die unverdaulichen Reste des angegorenen Gift-Getränks vom Vorabend erbrach. Professor Bolte, wohl Kummer gewöhnt, bemerkte sachlich: „Schwanger, wa? Kommt öfters vor, aber gleich am Anfang des ersten Semesters ist schon ´ne reife Leistung!“

Hastig bemühte ich mich, die Leitung aufzudrehen, um das unappetitliche Übel schnellstmöglichst zu beseitigen, da klemmte dieser doofe Hahn auch noch… „Schaaaaissssä! “ entfuhr es meiner gepeinigten Seele, als hätte ich mich nicht schon genug zum Deppen gemacht. Da kam eine Hand von hinten und öffnete den Hahn, während  eine andere meine Haare sanft vor dem Wasserstrahl in Sicherheit brachte. Danach reichte mir – wie ich sofort erkannte, die Hand von „Prinz  Brad“,  Papiertücher aus dem Spender und ich hörte ihn in seiner angehender Arzt-Stimme laut und ruhig  zu Professor Bolte sagen: „Entschuldigen Sie bitte die Störung, wir hatten gestern Muscheln aus der Truhe, bestimmt waren sie verdorben, ich bringe meine Freundin besser nach Hause…“ Währenddessen hörte er nicht auf, mir ununterbrochen weiter Tücher zu reichen, als wolle er das ganze Waschbecken damit auskleiden, bis ich in schmachtend säuselte: „Danke, der Spender ist gleich leer!“ Doch er antwortete nur: „Macht nix, dann hole ich eben neue!“ Hätte Professor Bolte nicht geantwortet: „Gehen Sie schnell, ich sage nachher der Raumpflegerin Bescheid! Und legen Sie das Mädel ins Bett. Dabei zwinkerte er zweideutig….“, Brad hätte tatsächlich die Packung verbraucht, denn er war  – natürlich nur innerlich – doch ganz schön aufgeregt,  wie das eben  bei einem bis über beide Ohren verliebten Teenie so ist…

Tja … was soll ich sagen? Soviel Einsatz überzeugte mich natürlich! Allerdings brauchte es noch ein paar Aktionen, bis er mich vollends erobert hatte…a1geb1 (2)

Die Stories, die unser turbulentes Leben mit sich bringt, gehen nie aus… !

Ich habe Euch unten noch ein paar weitere lustige und auch nachdenkliche Kurz-Geschichten verlinkt – Weitere findet Ihr unten und unter der Kategorie „Philosophisches und Persönliches“… oder unter „Pferde und andere Vierbeiner“. Für Hundefans ist dort auch eine Serie über unsere Hundegeburt…

Foto (2)Viel Spaß beim Lesen und auch sonst wünsche ich Euch  in der  Vorweihnachtszeit, auch wenn das Wetter ´mal nicht sooo toll sein sollte, Eure Nessy!

Die Beinahe-Invasion der Innerirdischen… oder wer zuletzt lacht, lacht am besten…

Infinity – Die Auswirkung eines kleinen Accessoires …

Der Mann an der Tür – Kurzgeschichte zum Nachdenken

Schritte im Wald – Kurzgeschichte nach einer wahren Begebenheit…

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Ich bin jemand, der meist positiv und neugierig durchs Leben spaziert. Mich fasziniert das Alltägliche wie auch das Besondere und ich bin dankbar, mich mit den schönen Dingen des Lebens wie mit meiner Familie, Pferden und Hunden, Natur und Medizin beschäftigen zu dürfen. Ich bin eine kleine Fashionista und schreibe und zeichne gerne .. Diese Themen lebe ich auch auf meinem Blog ,,Salutary Style" aus... Hello, I´m a girl with lot´s of interests: Not only fashion, beauty and lifestyle but also family, animals, medicine , writing, reading and riding.

7 Kommentare zu „Kurzgeschichte: Eine Love-Story der etwas anderen Art…

    1. Sorry, Du hast wohl die unkorrigierte Version zu lesen bekommen 😦 ! Das kommt davon, wenn man immer wieder neue Reiter aufmacht… Shame on me. Ich hoffe, in der neuen Version, die nun veröffentlicht ist, sind es nur noch 50 anstatt der anfangs 100 Tippfehler!

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